April 21, 2021

Bitcoin, Fluch oder Segen für Patrioten?

Ein Gastbeitrag von Klemens Kilic.

Bitcoin ist hier, um zu bleiben. Die Kryptowährung eröffnet uns einige Möglichkeiten, die uns das traditionelle Bankensystem nicht gestattete. Warum das Fluch und Segen zugleich ist, erfahrt ihr in diesem Artikel.

Zwischen 2017 und 2020 war ich als Journalist für Krypto-Blogs tätig – darunter vor allem beim nicht länger existenten Online-Magazin WIRED Germany und einem von mir selbst gegründeten Blog, den ich Ende 2018 verkaufte. Ende 2020 hat der Bitcoin-Preis nun sein altes Allzeithoch vom Dezember 2017 (ca. 16.000€) durchbrochen und hangelt sich seitdem von einem Gipfel zum nächsten. Aktuell kreist der Preis pro digitaler Krypto-Münze zwischen 45.000 und 50.000 Euro.

Aber in diesem Artikel soll es nicht um den Preis gehen oder wie man etwa mit Spekulationen im Kryptomarkt Geld verdienen bzw. verlieren kann. Ich möchte hier einmal erörtern, weshalb Bitcoin trotz der Unkenrufe nicht verschwinden wird sowie Bitcoins Vor- und Nachteile für oppositionelle politische Arbeit untersuchen.

Gerade habe ich das Buch „The Global Village“ vom 1980 verstorbenen kanadischen Philosophen Marshall McLuhan gelesen. Herzstück seiner Philosophie ist die Frage, wie sich Technologien und andere Medien im Fluss der Zeiten verändern, welche Regelmäßigkeiten sich dabei abzeichnen und welchen Effekt diese Veränderungen auf die Gesellschaft haben.

Als Werkzeug für diese Unternehmung hat McLuhan eine „Tetrade“ entworfen – vier Fragen, die man an Technologien im Wandel anlegen kann, um das zugrundeliegende Wesen ihrer Veränderung zu erkennen:

  1. Was verbessert das neue Medium?
  2. Was macht das neue Medium überflüssig?
  3. Was bringt das neue Medium wieder hervor, was zuvor durch das alte überflüssig gemacht wurde?
  4. Was wird zurück gebracht, wenn das Medium an seine Extreme stößt?

An einem Beispiel veranschaulicht: Das Auto hat 1. Die Reisegeschwindigkeit erhöht. 2. Das Fahrrad als primäres Transportmittel überflüssig gemacht. 3. Das Konzept des „Wagens“ (damals Kutsche) zurück gebracht, der mehrere Menschen gleichzeitig transportieren konnte. 4. Da größere Bewegungsgeschwindigkeit normalisiert wird, werden zurückzulegende Strecken allmählich größer, was die zuvor durch das Fahrrad eingesparte Reisezeit schlussendlich wieder in die Länge zieht.

Die Tetrade kann uns auch hervorragend dabei behilflich sein, Bitcoin als neues Währungsmedium zu analysieren:

Erstens: Bitcoin verbessert den uneingeschränkten Zugang zu Finanzmitteln. Je populärer die Kryptowährung, desto weniger Auswirkung werden Repressionen vom Bankensektor gegen politische Dissidenten zeitigen, etwa die Schließung eines Bankkontos. Zudem verbessert Bitcoin durch seine deflationäre Natur (die Bitcoin-Stückzahl ist auf 21 Millionen begrenzt) den Schutz vor Inflation und sichert damit die Guthaben vor fragwürdigen Machenschaften der Zentralbanken.

Zweitens: Bitcoin macht Mittelmänner wie Banken und andere Finanzinstitute überflüssig, da das Geld über das dezentrale Digitalnetzwerk, der Blockchain, direkt von Person zu Person geschickt werden kann.

Drittens: Bitcoin bringt die Möglichkeit des anonymen Zahlungsverkehrs wieder hervor, welcher durch das zunehmend elektronisch-kontrollierbar werdende Bankenwesen beinahe vollkommen verflogen war.

Viertens: Zurückgebracht wird durch Bitcoin ein offener und freier Währungsmarkt.

Fluch und Segen

Nun sind wir als Patrioten aber keine libertären Traumtänzer, die an die utopischen Heilsversprechungen des Kapitalismus glauben, wie sie uns etwa die Österreichische und Chicagoer Schule unter die Nase rieben. Freiheit ist keine politische Doktrin, sondern ein Gefühl das sich einstellt, wenn man sich in seiner Umgebung wohl und geborgen fühlt.

Liberalismus, also wirtschaftliche und soziale Schrankenlosigkeit, hingegen führt zur Auflösung organischer Gemeinschaften, welche dieses Freiheitsgefühl überhaupt erst erzeugten. Liberalismus ist Wegbereiter einer plutokratischen Oligarchenherrschaft, die auch durch ein neues Währungssystem nicht gebrochen wird – im Gegenteil.

Denn was Oppositionelle aktuell noch davon abhält auszuwandern, den Wohnsitz in ländliche Dörfer zu verlegen, sich in kleine Kommunen von Gleichgesinnten zurück zu ziehen und dem System damit weitestmöglich den Rücken zu kehren, ist die wirtschaftliche und soziale Abhängigkeit von selbigem.

So ungemütlich es auch sein mag, ein „heteronormatives“ Leben in einer Stadt von bunten Fantasten und Antifa-Terror zu pflegen, so notwendig ist die Partizipation für die politische Arbeit. Wer auswandert, sich zurückzieht, auf kleine Clan-Strukturen von Gleichgesinnten statt das Volkskollektiv als Ganzes setzt, der richtet sich wissentlich oder unwissentlich in der Anarchotyrannei ein und akzeptiert entweder das drohende Schicksal oder gibt sich der falschen Hoffnung hin, dass das System bald in sich zusammen fällt.

Bitcoin und Blockchain-Technologie beschleunigen nun diesen Prozess der Vereinzelung und des Rückzuges auf digitalem und analogem Terrain. Bitcoin ist ein Symbol der Zeit – es zu ignorieren oder nicht für sich nutzbar zu machen ist falsch, aber etwa wegen des astronomischen Preisanstiegs oder libertärem Wahn zu einem Bitcoin-Sektierer zu werden ebenso.

Ich arbeite seit einiger Zeit an einer noch grundsätzlicheren Theorie zur Erklärung des Bitcoin-Phänomens. Wenn Euch der Artikel gefallen hat und ihr mehr solcher Beiträge lesen möchtet, könnt ihr mir auf Telegram oder Twitter folgen.

Zum einführenden Artikel zum Thema Big Tech geht es hier.

// Nachtrag
Antworten auf Leserfragen zu meinem Bitcoin-Artikel:

  1. Bitcoin ist standardisiert pseudonym, mit ein wenig Sachkunde kann man seine Transaktionen allerdings auch leicht vollständig anonymisieren. Gibt auch Währungen, die standardisiert anonym sind, z.B. Monero (XMR).
  2. Solange das Internet, sei’s regulär oder über’s Darknet, noch Restfreiheit behält, kann Bitcoin nicht verboten werden. Was verboten werden kann, ist der legale Handel damit, allerdings verschafft sich ein Land durch ein Verbot einen massiven Wettbewerbsnachteil, also idiotisch.
  3. Bitcoin ist BTC. Altcoins, deren Anhänger ihre Währung als den „eigentlich wahren Bitcoin“ vermarkten (allen voran Bitcoin Cash [BCH] und Bitcoin SV [BSV]), bleiben meiner Ansicht nach Altcoins – auch wenn die Debatte dazu kontrovers diskutiert wird.
  4. In der Theorie mag die Annahme zutreffen, dass einem Kryptowährungen gerade erst die Möglichkeit verschaffen, trotz Repressionen in der Stadt zu bleiben, in der Praxis hält man sich bzgl. Positionen die zum Ausschluss aus Sozialen Medien, Banken etc. führen aber aktuell noch zurück, um seine Lebensgrundlage nicht zu gefährden. Werden die Rückzugsmöglichkeiten erleichtert, werden diese auch genutzt – Gesetz des geringsten Widerstandes.

7 Comments

  • Hallo!
    Ich habe ein Verständnisproblem, vielleicht kann das jemand auflösen. Im Text steht: „Bitcoin bringt die Möglichkeit des anonymen Zahlungsverkehrs wieder hervor“. Tatsächlich ist es doch so, dass in der Blockchain sämtliche Transaktionen öffentlich einsehbar sind. Das heißt doch, dass sobald jemand meine Identität mit meiner Wallet verknüpfen kann (z. B. wenn ich etwas kaufe), derjenige meine komplette Zahlungshistorie zurückverfolgen kann. Für jede Zahlung ein neues Wallet anzulegen, um sozusagen eine neue Historie zu beginnen, erscheint mir auch nicht praktikabel. Die Anonymität ist doch nur gegeben, falls ich ausschließlich Güter kaufe, für die ich beim Kauf nicht körperlich anwesend sein muss und die auch im Nachhinein nicht mit mir verknüpft werden können. Sonst ist die Anonymität nach meinem Verständnis für den Arsch, salopp gesagt. Verstehe ich hier etwas falsch?
    Danke und alles Gute!

  • Bisschen Flach der Artikel, „Crypto Crack“ hat ja schon das Problem der Wallet angesprochen. Ein noch viel größeres Problem, was Herr Kilic auch nicht anspricht, sind mögliche staatliche Verbote.

    Erstaunlich viele Länder haben schon erste Beschränkungen eingeleitet, aktuell z.B. die Türkei.

  • 1. Bitcoin kann nicht verboten werden, solange das Internet existiert.
    2. Bitcoin ist standardmäßig pseudonym, mit etwas Wissen beim Umgang aber leicht komplett zu anonymisieren.

    • Ihr Artikel enthält viele Falschinformationen und Auslassungen. Und selbstverständlich kann BTC verboten werden ganz einfach indem die Regulierungsbehörden es einfach tun. — Viel Spaß all Jenen die sich dann mit diesem kaputten Spielzeug dennoch einen Kaffee kaufen wollen. (Transaktionsgebühren liegen aktuell bei um die $28) BTC ist tot in dem Moment wenn Ihre Regierung entscheidet das es tot ist. Es wird passieren Schritt für Schritt und ist langfristig unausweichlich.

  • Offensichtlich ist das manchen Leuten hier nicht klar, seit 1971 BASIERT der Wohlstand der USA (zu großen Teilen) auf dem Dollar-Druck.

    Niemals werden die Staaten ihr Geld-Inflations-Monopol aus der Hand geben.

  • Danke für den interessanten Artikel!

    Wie so häufig, gibt es jedoch eine nicht unerhebliche Divergenz zwischen Theorie und Praxis, welche bereits in anderen Kommentaren (indirekt) angesprochen wurde. Ein wichtiger, bisher ungenannter Aspekt sind die Krypto-Handelsplattformen, welche als Schnittstelle zwischen Fiat-Geld (reguliertes Zahlungsmittel, z.B. Euro, US-Dollar) und den Kryptowährungen (z.B. Bitcoin, Ethereum) fungieren. Um an der Krypto-Welt teilhaben zu können, führt für die allermeisten Leute kein Weg an diesen Plattformen vorbei. Die wichtigsten und etabliertesten Handelsplattformen (z.B. Binance, Coinbase) agieren global und unterscheiden sich von den im Text angesprochenen „Mittelsmännern“ nur noch kaum.

    Weiterhin ist zu berücksichtigen, dass alle in Europa offiziell tätigen Plattformen mittlerweile eine rigorose KYC-Prüfung durchführen („Know your customer“), bei welcher allerhand persönliche Daten angegeben werden müssen (eine Ausweiskopie ist immer erforderlich, die Blutgruppe glücklicherweise noch nicht). Die bei Kryptowährungen gegebene Pseudonymität ist somit sehr schnell hinfällig. Aktuell ist es in der Tat noch relativ einfach möglich, über Monero & Co einen anonymen Zahlungsverkehr durchzuführen. Zukünftige Regulierungsmaßnahmen werden jedoch vermutlich dazu führen, dass derartige „Privacy-Coins“ von den offiziellen Plattformen entfernt werden und somit nicht mehr erworben bzw. gehandelt werden dürfen (bspw. in Südkorea ist das bereits der Fall). Dezentrale Handelsplattformen (z.B. Uniswap, PancakeSwap) könnten hier allerdings zum Teil Abhilfe schaffen.

    Meiner Meinung nach wird die Regulierung und Überwachung dieser Plattformen zeitnah an den etablierten Finanzsektor angepasst werden (insbesondere bei der Regulierung ist das zum Teil wohl auch sinnvoll oder gar notwendig) und zusätzlich auch die Repression zunehmen. Meines Wissens wurde der, dessen Name nicht genannt werden darf, bereits von der Plattform Bitpanda verbannt. In meinen Augen wäre es deshalb naiv davon auszugehen, dass sich an dieser Front durch Kryptowährungen per se etwas bessert. Die teilweise hohen Transaktionsgebühren und die immer wieder sehr schwankenden Kurse tragen aktuell ebenfalls dazu bei, die Akzeptanz und Nutzbarkeit von Bitcoin (und Altcoins) als Tauschmittel zu mindern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.